Wahnsin(n)dien - Der Reisebericht

Lukkullus in Kalimpong

Vor dem gigantischen Kino in Kalimpong finden wir eine kleine Bude. In dem kleinen Bretterverschlag türmt sich eine unvorstellbare Menge an Schüsseln und Tellern mit Essen. Beim ersten Blick ist klar, sie wird im nächsten Augenblick unter dieser Last in sich zusammenbrechen. Doch all die Furcht ist schnell vergessen. Der Blick fährt hektisch von einer Leckerei zur nächsten. Unzählige Salate und Obstteller thronen über fertig gekochten Gerichten. Da haben wir Kartoffeln in rotem Curry oder in feiner goldbrauner Eikruste, gebacken, gedünstet, gebraten. Kleine ölglänzende Schnipsel erweisen sich als herzhafte Radieschen, orange leuchtende Eier erinnern an Ostern, panierte Auberginen, Tomaten und selbst Blätter umrahmen etwas wie Spargel, der mit Paprika und Schoten konkurriert. So eine Auswahl haben im Flachland noch nicht gesehen. Doch auch hier dürfen diegoettin auf seidentuch2 obligatorischen Hülsenfrüchte natürlich nicht fehlen: Erbsen und Bohnen in allen Varianten und in den leckersten schärfsten Soßen. Bis auf Eier und diverse Yogurtkreationen ein wahres Paradies für Veganer. Die eigentliche Besonderheit: Das Essen ist kalt. Reis, Nudeln, die Soßen, alles. Ein Chapatiofen ist auch nicht zu entdecken. Manche Speisen bleiben für immer ein Rätsel, weil wir die Erklärungen nicht verstehen. Um so besser, denn da hilft nur probieren oder das Bild für immer auf der inneren Speisekarte zu speichern, um lebenslang vom Geschmack zu träumen. Ich weiß nicht, wohin ich zuerst schauen soll, doch schon zieht ein Napf safranfarbener Spagetti meinen Blick magisch an. Die Augen haben mehrfach ihre Runden gedreht, die gelbe Pracht wie von selbst in die Mitte genommen, weiter eingekreist bis sie wie magnetisch daran haften bleiben. Der Magen gibt unmissverständliche Laute von sich. Startschuss. Die Herrin über all die Kostbarkeiten hat schmunzelnd unsere Mienen verfolgt und freundlich nickend die Fragen beantwortet. Jetzt reißt sie routiniert zwei Seiten aus einem großen Buch und pappt, nachdem die Wünsche endlich geflüstert, diese mit bloßen Fingern darauf. Wahre Genüsse darf man nicht mit Hilfsmitteln entweihen. Da stehe ich mit 2 Seiten feinstem Schmaus und strahle. Wenn das der Schreiberling oder der Typ an der Druckpresse geahnt hätten. Ich spähe nach einer Gabel oder wenigstens einem Löffel. In Restaurants, die häufiger von Touristen frequentiert sind, ist Besteck inzwischen selbstverständlich. Aber hier suche ich sie vergebens. Nun kommen wir endlich in den Genuss puren Geschmacks. Denn wie der Inder sagt: Den erfährt man nur über die Finger. Das leuchtet mir schlagartig ein. Der direkte Weg ist es! All die Messer, Gabeln, Löffel, Stäbchen halten die erlesene Speise doch nur vom Körper weg. Sie verlängern unnötig den Abstand, sie verfälschen die Aromen, haben eine andere Temperatur und manchmal beißt noch dazu darauf. Nun, fürs Erste beiß` ich mir ständig in die Finger. So einfach oder gar primitiv, wie es aussieht, ist es nicht. Der Heißhunger ist nicht gerade förderlich, doch bald entwickelt sich fast von selbst die kleine Kunst, Speise von den Fingerspitzen zu nippen, tippen, schlecken. Bei Nudeln mag es ja noch gehen, aber beölte Erbsen in den Mund zu befördern erweist sich als Akt motorischer Feinarbeit. Selbst die Halswirbel sind schwer gefordert. Da heißt es, Fingerkuppen nicht anbeißen, nicht verschlucken, nicht zu viel fallen lassen und Bäckchen nicht einfetten. Letzten Endes sollte es vor versammelter Mannschaft auch noch so rüberkommen, als wenn man nicht zum ersten Mal im Leben etwas zum Munde führt. Wir essen beide vergnügt, die Alte freut sich mit uns. Keine Frage, es schmeckt. So wie sich das Mahl in all seinen Farben vor uns ausbreitet, konnte es einfach nicht anders sein. Manchmal mundet es schon ohne einen Bissen zu nehmen und auch hier haben alles vorab mit Blicken verschlungen. Ich esse gleich mehrfach aus dem großen Buch. Die Seiten sind etwa 10 Minuten feuchteresistent. Ein mehr als reiches Mahl für 20 Rupien, keine Mark, einfach beschämend. Wir bedanken uns ausgiebig. Alle sind zufrieden und wir haben geholfen, dass die Bude nicht unter dem Gewicht erlesenster Speise zusammenbricht. Nur an Kino ist nicht mehr zu denken. Wir wanken heim und beten, dass uns unsere tibetische Hausherrin nicht mit einem Abendmahl überraschen will.   

Kalimpong,

Bundesstaat Westbengalen

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